|
Die Unwetterwarnung in den Medien
von Karsten Brandt
Januar 2006
www.unwetter.de
Arbeitspapier Nr.1
1. Einleitung
„….und im Anschluss an die Nachrichten eine Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes vor ……“
In Deutschland gab es in den letzten Jahren immer wieder extreme Wetterereignisse. Genannt seien nur das Oderhochwasser 2002, der Hitzesommer 2003 mit Temperaturen, die nur alle fünfhundert Jahre zu erwarten sind (SCHÖNWIESE 2004), oder der Schneesturm im Münsterland mit einem Ausfall der Stromversorgung im November 2005.
Klimaforscher weltweit erwarten eine deutliche Zunahme von Wetterbedingten Katastrophen, auch in Mitteleuropa (PIK 2005).
Aufgrund der Zunahme dieser Extremwetterereignisse (PIK 2005) und einer veränderten Risikobewertung (DWD 2006) nehmen auch die Warnungen vor extremen Wetterereignissen zu. An bis zu 40 Tagen im Jahr sind Unwetterwarnungen (wie oben) in den verschiedenen Medien zu hören und zu sehen.
Dieser Artikel beschäftigt sich mit den Fragen, welchen Zweck amtliche Unwetterwarnungen erfüllen, wie sie entstehen und was sie wirklich aussagen. Ist die Unwetterwarnung eine Katastrophenvorhersage ?
Zunächst einmal zur Frage, was ein Unwetter überhaupt ist.
2. Was ist ein Unwetter?
Meteorologisch lässt sich der Begriff Unwetter anhand objektiver physikalischer Kriterien nicht definieren. Ein Unwetter lässt sich daher nur anhand der Auswirkungen bestimmten Wetters definieren, wie dies z.B. im Zeit-Lexikon (2004, Band 16: S. 267) geschieht.
Unwetter sind Wetterereignisse, die „stärkste Auswirkungen haben“ und einen "Notstand" hervorrufen können.
Ein Notstand ist ein Zustand der unmittelbaren Gefahr. Im Notstandgebiet sind die „Lebensbedingungen“ und das „Wirtschaftsgefüge“ erheblich beeinträchtigt.
Der Notstandsbegriff lässt sich damit auf die öffentliche Ordnung und das öffentliche Leben anwenden, welches durch Wettereinflüsse erheblich gestört werden kann.
Ein Unwetter ist also ein Ereignis welches die öffentliche Ordnung und das öffentliche Leben gefährdet.
Schwere Regenfälle, extreme Dürren, Stürme, Glättesituationen werden heute bei den meisten Wetterdiensten weltweit als Unwetter gewertet. Andere nicht so sichtbaren Wetterauswirkungen, mit Gefahrenpotential für Leib und Leben, werden nur vereinzelt bisher mit in die Unwetterwarnungen einbezogen. Dies sind Gefahren durch thermische Belastungen, starke Sonneneinstrahlung und eine schlechte Luftqualität.
3. Die Unwetterwarnung
Aufgrund der möglichen Gefahren für die öffentliche Ordnung werden vom Deutschen Wetterdienst in Zusammenarbeit mit den Lagezentren der Innenministerien amtliche Unwetterwarnungen veröffentlicht. Diese müssen über den öffentlich rechtlichen Rundfunk verbreitet und in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, um die Bevölkerung über die Gefahrenlage zu informieren (DWD 2006). Inzwischen bieten auch private Anbieter Unwetterwarnungen (z.B. unwetter.de). Zweck der Verbreitung der Unwetterwarnung ist letztendlich Schaden von der Bevölkerung abzuwenden (DWD 2006).
Da ein Unwetter, wie unter 2. dargelegt, anhand atmosphärisch-physikalischer Vorgänge nicht eindeutig definiert werden kann, hilft man sich in der Meteorologie bei der Erstellung einer Unwetterwarnung mit Schwellenwerten die letztendlich auf Erfahrungen basieren. Ab z.B. einer bestimmten Windgeschwindigkeit, Regenmenge usw. werden Schwellen zur Unwetterwarnung überschritten. Dahinter stecken Annahmen, dass ab bestimmten Windgeschwindigkeiten mögliche Notstände auftreten können. Die folgende Tabelle zeigt die Warnschwellen des Deutschen Wetterdienstes bei einer Warnung vor orkanartigen Böen.
Tabelle 1 : Warnkriterien des Deutschen Wetterdienstes bei der Unwetterwarnung vor orkanartigen Böen (DWD, 2006)
Meteorologisches Ereignis :
Windböen
in ca. 10 m Höhe
über offenem, freiem Gelände Böenunwetterwarnung in exponierten Gipfellagen nach Einzelfallentscheidung
Schwellenwerte – orkanartige Böen :
105 bis 115 km/h, 29 bis 32 m/s, 56 bis 63 kn, 11 Bft
Die Warnkriterien wurden auf Basis der Auswirkungen von diesen Wetterereignissen festgelegt. Dabei wird der Spielraum für den vorhersagenden Meteorologen möglichst klein gehalten, um möglichst objektive Warnungen zu erhalten (DWD 2006). Wenn ein entsprechendes Warnkriterium erreicht wird, dann muss eine Unwetterwarnung ausgegeben werden, unabhängig davon, ob vielleicht andere Umstände dies als nicht nötig erscheinen lassen.
Letztendlich werden die Unwettervorhersagen rein nach meteorologischen Kriterien ausgelöst, die zwar ursprünglich auf Wirkungen auf das öffentlichen Lebens fußen, aber im konkreten Fall dann unabhängig von möglichen Wirkungen ausgegeben werden.
Die Wirkung eines Unwetters auf das öffentliche Leben und die Auslösung eines Notstandes kann bei gleichen Wetterbedingungen ganz unterschiedlich sein. Diese Gründe sollen kurz erläutert werden.
Zunächst einmal gibt es niemals eine zweite gleiche Wetterlage, so dass Wetterlagen, mögen sie noch so ähnlich sein, niemals gleich ablaufen (HÄCKEL 2005). So kann es bei Sturmböen an mehreren Tagen ähnliche Windgeschwindigkeiten geben, aber die Frequenz der Böen, die Windrichtung und so weiter, sind nie zu vergleichen. Ähnlich verhält es sich mit anderen meteorlogischen Parametern wie Temperatur, Niederschlag usw.
So zeigen sich bei gleichen Windgeschwindigkeiten deutliche Unterschiede in der Anzahl der Schäden und in der Schadenssumme. Die Anzahl der Notrufe schwankt bei ähnlichen Gewitterwetterlagen ganz erheblich (STADT BONN 2001).
Auch bei den Auswirkungen auf den Verkehr, z.B. in der Höhe der Staukilometern oder der Anzahl glätte bedingter Unfällen sind große Unterschiede bei unterschiedlichen Wetterlagen festzustellen (CONTINENTAL 2004).
Die Kriterien für die Auslösung für eine Unwetterwarnung sind daher nur ein grober Anhaltspunkt, um zu bestimmen, dass eine „Notlage“ vorherrscht.
Folgende Umstände können nach der Meinung des Autors entscheidend sein, um zu klären, inwieweit das öffentliche Leben von einer „Notlage“ betroffen ist oder nicht.
Tabelle 2.: Faktoren, die nach Meinung des Autors, Einfluss auf eine Wetter bedingte Notlage haben können.
- betroffene Region
- Jahreszeit
- Uhrzeit
- Veranstaltungen/Ferien/Berufsverkehr
- allgemeines Verhalten
- Vorwarnungszeitpunkt
- Reaktion der Bevölkerung auf die Unwetterwarnung
- Reaktion der Behörden auf eine Unwetterwarnung
Die in der Tabelle genannten Einflussfaktoren spielen bei der Abschätzung der Auswirkungen einer Unwetterwarnung eine große Rolle. Besonders die Reaktion der Bevölkerung auf eine Unwetterwarnung kann ganz entscheidend sein, ob eine notstandsähnliche Situation zu erwarten ist, oder nicht.
Ein Beispiel dafür ist der Verkehr auf den Autobahnen. Wenn Warnungen von den Verkehrsteilnehmern ohne Winterausrüstung beachtet werden, kann die Verkehrsdichte bei Schneewetterlagen vielleicht entscheidend verringert werden, so dass kilometerlange Staus mit Wartezeiten im Auto von mehreren Stunden, die Gefahren für Leib und Leben mit sich bringen können, abgewendet werden.
4. Unwetter und Katastrophen
Unwetterwarnungen dienen zur Abwendung eines wie auch immer gelagerten Wetter bedingten Notstandes. Die Abschätzung der konkreten Auswirkungen einer Unwetterwarnung wird bei der Auslösung einer Warnung zunächst nicht vorgenommen, so dass eine Unwetterwarnung streng genommen nur eine Warnung vor der Erreichung eines bestimmten Wetterzustandes ist. Die Entwicklung einer Katastrophe aus einem Unwetter heraus, hängt maßgeblich auch von nichtmeteorologischen Faktoren ab. Eine Unwetterwarnung ist daher keine Katastrophenvorhersage.
Um Unwetterwarnungen und deren Auswirkungen auf die öffentliche Ordnung und das Notstandspotential genauer vorherzusagen, müssten die Zusammenhänge zwischen der Entstehung von öffentlichen Notständen und Unwettern genauer bekannt sein. Die Reaktion der Gesellschaft auf Wetterwarnungen bringt ähnliche Schwierigkeiten, wie es z.B. die Volkswirtschaft bei Prognosen der wirtschaftlichen Entwicklung hat, da ihre Prognose das Verhalten der Wirtschaftssubjekte beeinflusst und dieses Verhalten nicht immer rational nachvollziehbar ist.
Bisher gibt es zu diesem Thema keine Analysen, so dass letztendlich bisher eine Unwetterwarnung immer nur ein grober Anhaltspunkt für eine Notstandsentwicklung sein kann. Eine Gleichsetzung von Unwetter und Katastrophe ist somit nicht möglich.
5. Literatur
Continental AG (2004); Continental-Verkehrsstudie 2004, Hannover
DWD (2006); unter den Warnseiten
Häckel, H. (2005); Meteorologie, Stuttgart
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2005); Klimawandel und Wald, Potsdam
Stadt Bonn (2001); persönliche Auskunft des Amtes für Feuer. und Katastrophenschutz auf Basis der Daten der Jahre 1996-2000
Zeitverlag (2005); Zeit-Lexikon 2005, Hamburg
weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in unseren Buchveröffentlichungen
|